Die Schülermütze 

Die Schülermütze war für uns Jungens etwas Feines. Stolz waren wir, durch sie nach außen kund zu tun, dem Gymnasium, dem Realgymnasium, der Oberrealschule oder sonst einer Schule anzugehören. Die Klassenfarben waren unterschiedlich und am ganzen Deckel zu sehen. Die Schulzugehörigkeit erkannte man am Farbband auf dem unteren Mützenrand. So trug das Gymnasium das Schwarz-Rot-Gold der Burschenschaften. Die alten Reichsfarben schwarz-weiß-rot hatte das Realgymnasium. Das Barmer Gymnasium führte den sogenannten Stürmer, bei dem das Deckelrund vom Hinterkopf her in die senkrechte Linie des Gesichtes gezogen war. Wir bezeichneten sie als "Riefkooken" - das meint Reibekuchen.

Mit der Mütze auf dem Kopf konnten wir natürlich keine Eskapaden machen. Ein Kenner stellte anhand der Bänder sehr schnell die Schule fest, meist aber auch die Klasse an der Farbe. Es steckte also auch eine Verpflichtung zu gutem Benehmen in diesem "Schulhut" Auch ließ sich leicht erkennen, ob einer zu Ostern sitzen geblieben war. Er wechselte die Farbe nicht, oder es fehlte die Silberkordel zur Oberklasse, zum Beispiel Obersekunda.

Die Hitlerjugend bezeichnete die Schülermützen 1933 als Eierschalen der Reaktion und setzte ein Verbot des Tragens durch. Ihre Behauptung, sie seien die Ausgeburt des Klassendünkels war unsinnig. Bei Mützen Küpper in der Mühlenstraße lagen Schülermützen aller Fantasiefarben, die ein jeder aufsetzen konnte.

Unsere Klasse einschließlich ihrer zwei höheren HJ-Führer beantwortete das Verbot damit, dass wir uns alle gleichfarbene Schülermützen kauften, und sie gruppenweise in der Poststraße, dem Bummel, trugen.

Nur die Schülerkapellen waren von dem Verbot ausgenommen. Es hätte ja auch gräßlich ausgesehen und wenig Verständnis bei der Bevölkerung gefunden, wenn die^Musiker mit weißer Hose, blauem Blazer und roter Schärpe aber ohne Kopfbedeckung spielend einhergezogen wären. Wir durften - ich schlug derzeit die große Trommel - die Schülermützen zur Uniform tragen. An diesen bunten Kopfbedeckungen führte die kleine Kapelle - Flöten und Trommler - an der linken Mützenseite einen silbernen Stern, die große Kapelle - Blasmusik - zwei Sterne und der Kapellchef drei dieser silbernen Schmuckstücke. Damit erst war die Uniform vollständig.

Nach dieser Mützenächtung hatten wir auf einmal viele Übungsstunden in UNiform und flanierten anschließend im vollen Ornat die verpönte Schülermütze stolz auf dem Kopfzum Ärger der Hitlerjugend die Poststraße auf und ab. Das geschah auch zur Freude unserer goldigen zweibeinigen Sternchen, den geliebten.

Meine alte Primanermütze aus schwarzem Samt hat Krieg, Ausbombung und die anderen Fährnisse gut überstanden und hängt heute noch mit ihren zwei Kapellsternen über meinem Schreibtisch. Der Lacklederschirm hat zwar viele Risse. Die zwei Kniffe vorne und die beiden seitlichen "Liebeskniffe" sind auch ein wenig eingefallen. Das darf ruhig sein, hat sie doch das ehrwürdige Alter von siebenundvierzig Jahren auf ihrem Schwarzen Samt. Zu klein ist sie mir jetzt auch, aber jedes Jahr begleitet sie mich zum Treffen des Vereins ehemaliger Schüler der Aue nach Elberfeld - ihrer und meiner alten Heimat.

Text & Zeichnung: Karl Heinz Groenig (Abi 1936) etwa 1982